weiter Raum.

Hello Piedpiper.
April 29, 2016
Landungsmomente.
Mai 8, 2016

Es war ein Fest. DANKE.
Man kann auf ganz unterschiedliche Art & Weise etwas feiern. Zur Landung des raumschiffs haben wir einen Abend mit ganz unterschiedlichen Elementen erlebt. Eins war der Gottesdienst. Unsere Träume und Plänen haben wir in Gottes Segen hineingelegt. Und uns mit Worten aus der Bibel beschäftigt – mit drei kurzen Versen, einer Art Trilogie des Raumes. Die Predigt von Rebecca John Klug gibt’s nun hier:

Ein raumschiff kommt in der Bibel nicht vor.
Und doch gibt es biblische Texte, die zur Landung des raumschiff.ruhr – zur Eröffnungsfeier heute – gehört werden wollen. Es war keine Agende, kein liturgischer Kalender, sondern es waren ein paar Menschen, die mir per Sms diese Verse vorgeschlagen haben. Drei Verse, eine Predigt, eine Art Trilogie des Raumes könnte man sagen. Denn eins haben die drei Verse gemeinsam, sie beschäftigen sich mit der Frage nach Raum.

Eine Person schrieb: „ ‚Denn sie hatten sonst keinen Raum.‘ [Lk 2,7b]
Es ist nur ein kurzer Ausschnitt aus der Bibel. Mini könnte man sagen. Aber für mich ist dieser kleine Vers etwas Großes. Denn es ist ein Satz, in dem ich mich wiederfinde. So wie das junge Paar, Maria & Josef, in der Weihnachtsgeschichte keinen Platz findet für sich, so geht es mir auch oft. Ich bin nicht schwanger. Ich bin einfach nur jung. Ich suche Raum, meinen Platz im Leben. Und in der Kirche. Und finde beides schwer.“

Eine zweite Person schrieb fast zeitgleich: „‚Es ist noch Raum da.‘ [Lk 14,22]
Da ist noch Platz in der Kirche für so etwas, wie das raumschiff, finde ich. Gut, dass ihr so etwas startet. Alte Räume neu eröffnet. Aber ich vermute, dass die meisten von uns  das auch als eine belastende Erfahrung kennen:  Dass da noch Raum übrig ist, ungenutzt. Wie bei dem Fest zu dem eingeladen wurde und fast keiner kommt… Das kann Angst machen.  Wenn man Neues beginnt und nicht weiß, ob einer kommt. Aber auch wenn man etwas fortführt. Und sich jedes Mal neu fragt, ob der Raum sich füllt…“

Zwei kleine Verse spannen einen großen Erfahrungsraum. In dem unterschiedliche Erfahrungen andocken können. Die Erfahrung von zuviel und zu wenig Raum. Wo ist mein Raum, mein Platz? Welchen Raum darf ich ausfüllen? Oder auch welchen Raum muss ich vollkriegen?

Ich selbst merke, ich kenne beide Erfahrungen:
Mit Anfang zwanzig habe ich mich taufen lassen. Seitdem war ich Vagabund. Lebte ein buntes Leben zwischen unterschiedlichen Gemeinden. Auf der Suche nach einem guten Ort, einer inspirierenden Gemeinschaft. Wo ich einbringen kann, was ich hab und mag. Und auch meine Prägungen, Ideen, Empfindlichkeiten Platz finden. Wo das, was mir heilig ist, geschützt wird und ich Neues kennenlerne, was mir heilig wird. Wo mir keiner in die Seele latscht, Einzelnen Raum gelassen wird. Und wir zugleich gemeinsam Räume füllen. Nicht allein bleiben. Sondern miteinander verbunden sind. In aller Unterschiedlichkeit.
Nach einiger Zeit entschied ich mich bewusst dazu, dass ich zur Evangelischen Kirche gehören – unter dieses Dach schlüpfen – wollte. Habe das aber gar nicht als so einfach erlebt. Formalia können kompliziert sein und wecken zumindest bei mir nur wenig Zugehörigkeitsgefühle. Und eine Gemeinschaft, die sich vorrangig Sonntag morgens trifft, ist nicht prinzipiell für alle offen, nicht jede und jeder kann daran gut andocken, findet hier seinen oder ihren Platz. Während ich also doch recht mühsam damit beschäftigt war, nach Raum in der Kirche zu suchen für mich, hörte ich Menschen, die sagten: „Die Räume sind leer. Dafür lohnt sich doch der ganze Aufwand nicht mehr. Wir müssen anfangen zu sparen.“ Und ich fragte mich, woran genau man zukünftig sparen wolle …

Mein erstes Bild von Evangelischer Kirche, das mich geprägt hat, war spannungsvoll:
Es ist noch Raum da. Und gleichzeitig manchmal so schwer, seinen Platz dort zu finden.
Genau diese Spannung erlebe ich auch heute noch, während ich mittlerweile zu denen gehöre, die nun hauptberuflich Kirche mitgestalten und somit irgendwie auch diese Räume „verwalten“. Dafür verantwortlich sind. Wie verteilen wir Räume? Wie füllen wir Räume? Wem müssen wir Raum schaffen? Wo sparen und wo investieren wir? Es ist nicht leicht, diese Spannung aufzulösen. Sondern wohl vielmehr die Herausforderung sich genau darin zu bewegen.

An dieser Stelle mischt sich der dritte Vers ein, er wurde dem raumschiff, mir heute geschenkt. Ein Vers, der in den Erfahrungsraum, den diese beiden Verse aufspannen, hineinplatzt. Und zu neuen Erfahrungen herausfordert… Aus dem Jesajabuch Kapitel 54, Vers 2:

Weite den Raum deines Zeltes!
Die Zelttücher deiner Wohnungen spanne man auseinander!
Spare nicht!
Verlängere deine Zeltstricke, deine Pflöcke verfestige!

Es gibt Raum, verspricht dieser Vers. Und es gibt ein Dach über dem Kopf – zeltartig. Vielmehr verspricht er nicht. Sondern fordert heraus: Los, weite den Raum. Weit auseinander gespannt soll dieses Dach viel Raum bieten. Weite. Spare nicht. Verlängere die Seile, so, dass alle unter’s Dach passen. Auch die, die noch gar nicht da sind. Und weil es eine Weile dauern kann, bis bei dir jemand vorbeikommt, der Raum sucht: Verfestige deine Pflöcke! Sorg dafür, dass du morgen nicht schon weggeflogen bist. Und hör endlich auf mit deinen Sorgen! Und deiner Sparsamkeit!

Was für ein Vers.
Für die Menschen. Damals. Mitten im Nichts. In einer zerstörten Stadt. Voller zerstörter Hoffnungen. Und einem kaputten Tempel. Statt weiter Raum: Trümmer. Zerschlagenheit und Zerstrittenheit untereinander. Damals, als jemand diese Worte in die gescheiterte Biographie eines Volkes, einer Gemeinschaft hineingeschrieben hat. Ohne, dass irgendwer gerade eine Ahnung hatte, was werden soll. Was kommt. Wie es weitergeht. Wieso den Raum erweitern? Sie waren doch nicht mehr als ein Rest. Überbleibsel.

Was für ein Vers.
In einer im Verhältnis dazu noch jungen Kirche. Die gerade in unserem Land unglaublich heile und reich ist. Im Verhältnis zu anderen Orten. Und Zeiten. Und die dennoch vollkommen zurecht die Frage stellt: Wie geht es weiter? Lohnt es sich den Raum zu erweitern? Oder sollten wir uns nicht lieber kleiner setzen? Wir werden doch weniger. Wer wird am Ende übrig bleiben?

Was für ein Vers.
Für alle Gemeinschaften, die nicht wissen wie es weiter geht. Darum ringen, zu wachsen oder zu bestehen.

Spare nicht!
Für wen lohnt sich das eigentlich zu investieren?
Und was ist Verschwendung?
Es schön machen?
Raum schaffen, für die, die nicht da sind?
Raum behalten, obwohl keiner kommt?
Was ist Verschwendung?
Und was ist Mut?
Und Hoffnung, die mehr glaubt, als man sieht?
Was ist Vertrauen?
Manchmal ist all das schwer zur sortieren, auseinanderzuhalten oder auch zusammenzubringen.

Dieser Vers ermutigt zu neuen Erfahrungen. Weite den Raum! – sagt der Vers. Und zugleich: Knüpfe an dem an, was vorhanden ist. Gib dich hinein in vorhandene Räume. Nicht: Schaffe dir selbst etwas ganz Neues.  Baue dir etwas ganz eigenes auf. Es gibt ein Dach, sagt dieser Vers. Du musst dir kein eigenes bauen. Du darfst mit drunterschlüpfen. Und kannst dadurch mithelfen, dass der Raum geweitet wird und unter diesem Dach viele Unterschiedliche Platz finden. Für ihren Kopf und die eigene Seele. Spare nicht! Spare zumindest nicht daran, sagt dieser Vers. Er spricht nicht über’s Geld. Er spricht nicht über Gebäude. Er spricht vom Raum und sagt: Spare nicht. Schaffe weiten Raum. Spanne das, was du hast, weit auseinander. Verlängere deine Seile. Deine Anknüpfungspunkte. Es mag sein, dass Ritzen entstehen, durch die es dann hindurchzieht. Ab und zu auch mal ungemütlich wird. Es mag wackeliger und unsicherer sein als zuvor. Aber gib Acht, dass du zumindest ein paar Pflöcke fest einschlägst.  Und dass ihr gemeinsam unter einem Dach seid. Sonst ist das kein weiter Raum. Sondern sind es viele kleine Räume.  Begrenzt in ihrer Quadratmeterzahl. In dem, was sie können und bieten, was darin gehofft, geglaubt und gelebt wird. Nur unter einem Dach könnt ihr gemeinsam weiter Raum sein. Spart daran nicht!

Unter dem einen Dach, das Jesus Christus ist.
Dieser Satz ist für mich keine fromme oder kirchliche Floskel. Es ist ein starker Satz. Denn in ihm verbinden sich selbst die größten Gegensätze. Wird der Tod mit dem Leben verbunden.Die Erde mit dem Himmel. Und wir Menschen untereinander. Alle. Das Kreuz mit seinen zwei Balken, Verbindungslinien erinnert mich daran. Wir sind verbunden. Mit Gott. Und untereinander. In aller Unterschiedlichkeit. Und können einander darum auch Raum lassen. Für unsere Unterschiedlichkeiten.

Die Bibel, mein Glaube, Gott ist es, was mich immer wieder weitet. Mir einen weiten Horizont schenkt. Mich daran erinnert, dass wir uns alle unter einem weiten Dach, dem Himmelszelt bewegen. Weitausgespannt ist es. Mit ein paar Ritzen, wodurch es ab und zu zieht… Aber unter dem wir alle Platz finden. Weil Gott nicht gespart hat. Sondern mit verschwenderischer Liebe, die allen gilt, unterwegs ist. Durch die Weiten dieses Universums. Und mit Liebe zum Detail. In aller Weite mit Blick für Einzelnes und Einzelne.

In dieser Weite und Liebe zum Detail, in dieser wunderbaren Spannung, darin entdecke ich das Wesen Gottes. Den Kern des Evangeliums. Der frohen Botschaft. In dieser Weite möchte ich mich bewegen. In dieser Liebe möchte ich aufgehoben sein. Diese Weite möchte ich verschenken. Und diese Liebe zum Detail auch. Es wird vermutlich spannungsvoll bleiben.
Das ist irgendwie typisch für Gott.
Ich freue mich drauf.
Amen.

 

Foto: Hannes Leitlein

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