Danke und Adieu

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aus Für die Sterne von Dota

Ich bin nicht hier, um mich zu bemühen
Ich bin hier, um zu glüh’n

Ich bin hier, um zu blüh’n
Ich bin nicht hier, um dir zu gefall’n
Ich bin nicht hier für die Bilanz
Ich bin hier für den Glanz
Und ich bin hier für den Tanz
Ich bin nicht hier, um dir zu gefall’n
Nein, ich bin hier für die Sterne
Und ich bin hier sehr gerne
Und ich bin, weil ich lerne
Ich bin nicht hier, um die zu gefall’n

Im November 2017 saß ich das erste Mal an einem der hellen Holztische im raumschiff, aß Stullen und trank Ingwer-Limo. Aus der Ferne, über’s Internet, hatte ich schon mitbekommen, dass es in Essen in einem alten Kirchenschiff Raum für junge Erwachsene gab. Die haben aber eine schöne Website, dachte ich, und schöne Worte, viel blau. Schon von Weitem fühlte ich mich irgendwie willkommen, obwohl ich damals auf einem kleinen Dorf im Norden Niedersachsens wohnte. Ich folgte diesem Willkommensgefühl und fuhr ins Ruhrgebiet, um mir die Menschen und Ideen in diesem raumschiff mal aus der Nähe anzuschauen. Nach #orbit im blauen Kubus der Marktkirche, Gesprächen zwischen Tür und Sofa, Weihnachtsplanungen und #brot+wein war ich dankbar und froh, für die Dauer einer Besuchswoche Teil vom raumschiff gewesen zu sein. Denn Teil davon ist, wer sich zugehörig fühlt. Und das tat ich auf Anhieb.

„Ich bin nicht hier, um mich zu bemühen
Ich bin hier, um zu glüh’n
Ich bin hier, um zu blüh’n“

Dass ich ein Jahr später in Essen leben und im raumschiff arbeiten sollte, das konnte ich nicht ahnen. Das war eins der Wunder, die auf meinem Lebensweg einfach auftauchten und mich heftig zum Staunen brachten. Als ich im November 2018 in der Marktkirche ordiniert wurde, sang die damalige „Visionautin“ Kirsten, die später meine Kollegin werden sollte, „Für die Sterne“ von Dota. Der Song ist zu meiner persönlichen raumschiff-Hymne geworden, weil das raumschiff ein Ort ist, an dem Gott Menschen zum Blüh’n und Glüh’n bringt. Mit ihrem Witz, ihren Fähigkeiten, ihren Fragen, ihrer Müdigkeit, ihren Ideen. Das, was man mitbringt, hat Platz. Meilensteine und Schönes werden zusammen gefeiert; aber das, was das Leben mühsam macht, wird gemeinsam ausgehalten. Und zwischendurch wird immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Es braucht Offenheit für verrückte Ideen, echtes Interesse, Nähe und Freiheit, damit Menschen blühen können. Und damit sie nicht verglüh’n braucht es ein herzliches „Tu, was dir gut tut!“, wenn wieder eine aus Pflichtgefühl die Geschirrspülmaschine einräumen will, obwohl sie müde ist und eine Erkältung im Anmarsch. Es sind die kleinen Sachen, die die Kirche verändern, weil sich darin ein wichtiger Haltungswechsel zeigt. Tun, was Freude macht – statt tun, was man schon immer so gemacht hat. Raum für Ideen eröffnen – statt Menschen für Aufgaben suchen. Ich glaube, das haben wir im raumschiff ganz gut hinbekommen und ich merke, wie sehr mich diese Atmosphäre geprägt hat.


„Ich bin nicht hier, um dir zu gefall’n
Ich bin nicht hier für die Bilanz

Ich bin hier für den Glanz
Und ich bin hier für den Tanz“

Anderes haben wir – habe ich – auch weniger gut hinbekommen. In meinem Kopf ist ein Liste mit Dingen, die ich hätte machen wollen, die ich auf die lange Bank geschoben habe. Ich hätte dem raumschiff in den letzten zwei Jahren gerne eine festere Basis gebaut, eine, die Corona, Sparmaßnahmen und jeglicher Fluktuation trotzt. Denn, auch wenn Dota singt „ich bin nicht hier für die Bilanz“, ist genau die für raumschiffe und andere alternative Formen von Kirche nicht ganz unwichtig. Schließlich wird eben doch immer wieder darauf geschaut, wie viele kommen, ob es sich denn auch lohnt, ob das raumschiff bisher erfolgreich war. Als wir darüber vor einiger Zeit bei einem #zukunftsplinner sprachen, sagte J. dazu etwas sehr schönes: „Hier ist eine Gemeinschaft entstanden, die Glauben und Leben miteinander teilt – wie kann man da sagen, es lohnt sich nicht?!.“

Es fällt mir nicht leicht, gerade jetzt zu gehen. Manches ist gerade ungewiss, zumal nach einem halben Jahr Corona. Zwar wird wieder #orbit gefeiert, aber an gemeinsames Stullenessen, geschweige denn analoges Brotteilen, ist noch nicht wieder zu denken. Aber, wie S. letztens meinte, „wir vertrauen ja darauf, dass ein Anderer im Hintergrund wirkt.“ Der Andere, Gott, der uns oft in unerwarteten Momenten oder Menschen begegnet, der die Sterne in den Himmel gesetzt hat und das raumschiff auf die Reise schickte. Ich weiß, dass er für das raumschiff schon eine Flugroute im Sinn hat und dass die sich als genau richtig erweisen wird, egal, welchen Verlauf sie nimmt.

„Nein, ich bin hier für die Sterne
Und ich bin hier sehr gerne
Und ich bin, weil ich lerne“

Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich eine Weile mit dem raumschiff fliegen durfte, in Begleitung jeder Menge toller Menschen. Man denkt ja manchmal, Pfarrerinnen sind so eine Art Vorbild, von denen die Leute etwas lernen können, aber es war umgekehrt: im raumschiff durfte ich eine Lernende sein. Von einer habe ich Zuversicht gelernt, von der anderen Mut, von einem Klarheit, von einer Großzügigkeit, von einem Achtsamkeit und von einer anderen Vertrauen… Und so nehme ich von jedem und jeder etwas mit, wenn ich jetzt als Pastorin in der Epiphanias-Kirchengemeinde in Hannover und an der Akademie Loccum anfange.

Ich lege die rechte Hand auf mein Herz und verbeuge mich ganz leicht – wie man es seit Corona statt Umarmungen oft tut – und sage: von Herzen Danke und Adieu! Und dann winke ich dem raumschiff zu, wie es durch den Herbsthimmel weiterfliegt, drei Herbste, nachdem ich das erste Mal an Bord gegangen bin. Flieg, raumschiff, flieg! Hier ist noch eine, die dein Fan bleibt.

Foto: Jasmin Breidenbach

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